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Geschichten zum Thema Licht: Die Suche nach dem Leben

Die Suche nach dem Leben

Irgendwo auf der Welt in einem grünen Walde gab es einst eine kleine Taube mit einem prächtigen weißen Federkleid. Manchmal ließ sie ihre gurrenden Liedgeräusche erklingen und manchmal nicht. Wenn sie guter Stimmung war, flog sie zwischen den dichten Bäumen von Ast zu Ast, und wenn sie betrübt war saß sie einfach nur da auf einem Fleck, und dies längere Zeit.

Besinnliche Geschichten zum Thema LichtSie war jedoch nicht bloß eine einfache Taube, ein Lebewesen wie alle anderen auf der Welt, sondern etwas ganz Besonderes, denn sie dachte. Jeden Tag im Walde ging ihr Neues durch den Kopf, und in letzter Zeit sah man die kleine weiße Taube oft lange nur auf einem Ast sitzen und betrübt vor sich hinstarren. Ihre gurrenden Liedklänge waren längst verstummt. Sie hatte keine Lust mehr, einfach nur jeden Tag die gleichen Geräusche daherzutrillern wie es üblich war, denn nichts veränderte sich dadurch.

Der Wald blieb gleich, die Tiere in der Nachbarschaft grüssten die Taube wie immer, obwohl die Blumen nicht mehr blühten und der Bach auch nicht sauberer wurde. Schweren Herzens sah die kleine weiße Taube hingegen, wie das einst klare Wasser des Baches sich immer dunkler verfärbte und ihre Freunde, die Fische, immer mehr nach Luft rangen. Manchmal drangen ihre verzweifelten Laute bis zur Taube auf den Bäumen hoch.

Das stimmte die kleine weiße Taube dann jedes Mal traurig, und sie hatte keine Lust ihre gurrenden Laute erklingen zu lassen. Wenn sie dann in den Himmel hinaufblickte, sah sie jedes Mal diese grauen Wolken, die den Wald manchmal so umhüllten, dass die Bäume ihre Blätter verloren und fast kahl waren. Die Sonne kam nicht, weil es über dem Wald immer diese grauen Wolken gab, denen die Tiere des Waldes den Namen “dunkle Wolken aus der Ferne“ gegeben hatten. Nie war es richtig hell im Walde, und auch das veränderte die kleine weiße Taube mit ihren gurrenden Liedklängen nicht.

Eines Morgens saß sie auf einem fast kahlen Ast und dachte und dachte. Sie war sehr betrübt, und das musste anders werden. Sie dachte weiter. Bis sie beschloss, aufzubrechen und das Leben zu suchen. Augenblicklich flatterte sie los und flog immer weiter durch den Wald. Das ging solange, bis die kleine weiße Taube nicht mehr konnte und sich erschöpft auf einer Wiese niederließ. Dort traf sie auf einen Esel, der sie verwundert anblickte.

„Wieso bist Du denn so abgehetzt, kleines Vögelchen?“

„Weil ich weit geflogen bin.“

„Wieso? Wo willst Du denn hin“

„Ich will das Leben suchen.“

„Wie sieht es denn aus?“

„Wunderschön, von den glänzenden Lichtstrahlen Gottes erfüllt, voller Grün und mit immerwährenden, frischen Blüten.“

„Du kennst das Leben, obwohl Du ihm nie begegnet bist?“

„Ich glaube an das Leben, das genügt.“

„Aber dann weißt Du doch immer noch nichts darüber oder ob es überhaupt das Leben gibt.“

„Weißt Du, ob es Dich wirklich gibt?“

„Wie meinst Du das denn? Natürlich gibt es mich. Ich bin doch da und Du siehst mich oder etwa nicht?“

„Das sagt gar nichts. Wenn Du nicht lebst, kann es Dich auch nicht wirklich geben. Dann ist Deine Gestalt nur präsent.“

„Aber ich lebe doch.“

„Wie kann Du leben, wenn es hier das Leben nicht gibt?“

„Indem ich halt da bin.“

„Dann lebst Du nicht.“

„Na, schön, vielleicht lebe ich dann nicht. Aber wo willst Du nach dem Leben suchen?“

„Dort, wo ich es finde.“

„Und wo ist das?“

„Dort, wo mein Glaube mich hinführen wird – sehr weit weg von hier.“

„Und Du meinst, dass Du das Leben findest?“

„Ja.“

„Na, dann viel Glück, kleines Vögelchen. Deinen Mut möchte ich haben.“

Und die kleine weiße Taube flog immer weiter, folgte dem inneren Gefühl ihres Glaubens und war fest entschlossen, das Leben zu finden.

Die nächste Rast führte sie zu einem Zaun am Rande einer Stadt direkt an einer Weide, wo sich die kleine weiße Taube niederließ. Dort traf sie auf ein Lamm, das auf dieser Weide graste.

„Was hat Dich hierher verschlagen, Täubchen?“

„Die Suche nach dem Leben.“

„Die Zeiten, in denen ich noch an das gelobte Land geglaubt habe, sind längst vorbei. Und hier in all dem Menschendunst und dem Dreck ihrer Städte wirst Du es sicher nicht finden.“

„Dahinter liegt es.“

„Du meinst hinter diesen Bergen sind die grauen Dunstwolken ihrer Fabriken nicht gedrungen?“

„Hinter den Bergen liegt eine andere Welt.“

„Und welche?“

„Eine Welt, die hinausführt aus dieser Finsternis in das ewige Licht Gottes.“

„Selbst, wenn das wahr ist – willst Du etwa alleine diese Berge durchqueren, kleines Vögelchen? Du wirst auf der anderen Seite nicht ankommen.“

„Doch, das werde ich, glaube mir, denn dort ist das Leben, das auf mich wartet.“

„So sehr glaubst Du daran?“

„Gott hat mich in all dieser Dunkelheit nie verlassen.“

„Deine Zuversicht möchte ich haben, kleine Taube.“

„Du kannst mitgehen.“

„Ich, wo ich nicht einmal fliegen kann? Da habe ich noch schlechtere Chancen als Du mit Deinen Flügeln. Nein, ich bin alt und schwach. Es ist zu spät für mich.“

„Dann wirst Du ohne einen Funken Leben in Dir einfach von dieser Welt scheiden.“

„Ja, hier habe ich das Leben nie gesehen. Ich wünsche Dir viel Glück auf Deinem Weg, tapfere kleine Taube. Meine Gebete werden Dich begleiten.“

„Ich danke Dir, lebe wohl.“

Und die kleine weiße Taube flog weiter ihres langen Weges und steuerte auf die großen Berge zu. Sie flog am Tag und in der Nacht und hörte gar nicht mehr auf zu fliegen. Ihr fester Glaube an das Leben und ihr eiserner Wille, es doch noch zu finden, trieben die kleine Taube immer weiter voran.

Ob bei Regen oder Wind, sie flog unermüdlich weiter. Bis sie eines Tages, an den Gipfeln der Berge angekommen, nicht mehr konnte. Erschöpft stürzte sie hinab und fiel zu Boden und stand nicht mehr auf.

Es wurde Nacht und Tag und wieder Nacht und Tag, und sie stand immer noch nicht auf. Als es am dritten Tag nach dieser Nacht jedoch wieder Tag wurde, war dies ein ganz besonderer Tag. Er war heller als alle anderen Tage und klar, sehr klar. Der Himmel leuchtete hellblau, und die Sonnenstrahlen fielen auf das Gebirge und ließen es glänzen im klaren Sonnenlicht. Als die ersten Sonnenstrahlen auf die kleine weiße Taube fielen, schlug sie plötzlich an diesem besonderen Tag die Augen auf.

Es war kein Traum, sondern Wirklichkeit. Die Sonne leuchtete hell, und über ihr war blauer Himmel. Das Leben. Die kleine weiße Taube hatte es gefunden. Am Ende ihrer Kräfte angelangt, hatte sie das Leben doch noch gefunden. Sie erhob sich aufgeregt und blickte fassungslos um sich.

Um die kleine weiße Taube herum blühten Blumen in vielen bunten Farben und Vogelgesang war zu hören, selbst hier ganz oben auf dem Berg.

„Wie kommst Du denn hierher?“ hörte die kleine weiße Taube plötzlich eine Stimme hinter sich sagen. Als sie sich umdrehte, traute sie ihren Augen nicht. Eine zweite kleine weiße Taube saß direkt hinter ihr auf einem Stein. Sie war so schön wie sie selbst.

„Ich habe das Leben gesucht, und Gott hat mich hierher geführt,“ antwortete die erschöpfte kleine Taube schließlich.

„Wahrhaftig, Du hast es wirklich gefunden. Wie wundervoll, dass Gott auch meinen Wunsch nach einem Gefährten erhört hat, denn zuvor dachte ich, ich müsste für immer alleine bleiben. Aber er hat mich für meinen Glauben belohnt und Dich zu mir geschickt.“

„Ja, es ist ein herrliches Wunder, dass ich hier bin und auch Dich getroffen habe.“

„Was ist das herrliche Wunder? Sage mir genau, was Du für Dich damit meinst.“

„Dass ich endlich lebe in ewiger Verbundenheit mit Dir und Gott.“

Und die beiden kleinen weißen Tauben flogen gemeinsam davon in das herrliche Paradies, bis sie schließlich im Horizont verschwanden und fortan für immer lebten.

Und Jesus sprach: Hell erstrahlt die Welt im Glanze meines immerwährendes Lichtes. Wer am Leben festhält, das ihm durch meine Hand gegeben wird, der wird nicht verbleiben in Finsternis, sondern mit mir im Paradiese sein ...    

 

© Donitatis - Autor: Elisabeth Reuter

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